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Arbeitszeitverkürzung als konkrete Utopie für ein besseres Leben

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Arbeitszeitverkürzung als konkrete Utopie für ein besseres Leben

Arbeitszeitverkürzung kam in den letzten Jahren, nicht zuletzt aufgrund steigender Arbeitslosigkeit, wieder auf die politische Tagesordnung. In unserem Workshop warfen wir ein differenziertes Bild auf dieses wirtschaftspolitische Instrument. Eine Arbeitszeitverkürzung kann nie unabhängig von der Verteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit in unserer Gesellschaft diskutiert werden. Denn die Verteilung von bezahlter Erwerbsarbeit und unbezahlter Sorgearbeit sowie ihre institutionelle Rahmung haben weitreichenden Einfluss auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge. Das zeigt sich auch in den von Franz Astleithner vorgestellten, wissenschaftlichen Perspektiven auf Arbeitszeitpolitik und Arbeitszeitverkürzung. Folgende Dimensionen lassen sich hier identifizieren:

- Geschlechtergerechtigkeit
-Gesundheitliche Aspekte
-Zeit für Weiterbildung
-Zeit für politisches und zivilgesellschaftliches Engagement
-Ökologie und Nachhaltigkeit
-Zeitwohlstand
-Beschäftigungssicherung

Zudem muss Zeit aus Sicht der Sozialwissenschaften als ein soziales Konstrukt verstanden werden. Arbeitszeit wurde erst mit der Industrialisierung und der Durchsetzung kapitalistischer Logik zu dem, als das wir sie heute kennen: Ein für weite Schichten knappes Gut. Die ArbeiterInnen lernten somit darum zu kämpfen und reduzierten den Zugriff auf ihre Arbeitszeit, womit ein Teil der Zeit dem kapitalistischen Verwertungszusammenhang und der Konkurrenz entrissen wurde. Dieser Erfolg zeigt sich in einer Halbierung der Jahresarbeitszeit von 1870 bis 2000 (Grafik1).

Grafik 1: Jahresarbeitszeit in Stunden
Q: Daten: Hubermann und Minns (2007). Eigene Darstellung.

Heute ist der Österreichische Arbeitsmarkt durch ein stagnierendes Arbeitsvolumen bei steigender Beschäftigung gekennzeichnet. Insofern kam es zwischen 2004 und 2015 zu einem gleichzeitigen Anwachsen der Teilzeitbeschäftigung, der Erwerbstätigenzahl als auch der Arbeitslosigkeit (Grafik 2).

Grafik 2: Entwicklung des Arbeitsvolumens, der Arbeitslosigkeit und der Zahl der Erwerbstätigen. Indexwert 2004=100
Q: Statistik Austria: Arbeitsvolumen & Erwerbstätige, AM-Datenbank: von AL Betroffene.

Es findet also nach wie vor eine Arbeitszeitverkürzung statt, aber individuell und ohne Lohnausgleich, von der hauptsächlich Frauen negativ betroffen sind. Eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung könnte dementsprechend die Benachteiligungen von Frauen reduzieren. Wie von Michael Soder gezeigt, kann Arbeitszeitverkürzung allerdings auch ohne allgemeine Verkürzung auf betrieblicher Ebene funktionieren. Martina Kronsteiner berichtete aus ihrer Praxis als Betriebsrätin am UKH Linz, wie wichtig Mitbestimmung der Beschäftigten in der Arbeitszeitgestaltung für die Arbeitszufriedenheit ist. Im Vortrag von Schifteh Hashemi über die Einführung der 35-Stunden-Woche in Frankreich wurde deutlich, welch großes Potenzial eine Arbeitszeitverkürzung für zusätzliche Beschäftigung birgt und speziell für Frauen ein Hebel für eine hohe Vollzeit-Erwerbstätigkeit darstellt. Allerdings ist das Beispiel Frankreichs auch ein Beleg für die Notwendigkeit gewisser regulatorischer Schutzmechanismen bei der Flexibilisierung in der Arbeitszeitgestaltung. Wenn man, wie Wolfgang Fellner und Roman Seidl, die Zeitverwendungswünsche der Beschäftigten differenziert betrachtet, wird klar, dass kürzere Arbeitszeiten für viele Menschen einen Zugewinn an Lebensqualität bedeuten. Insofern ist eine Arbeitszeitpolitik gefragt, die diesen Wünschen Rechnung trägt. Ein Blick auf die Geschichte der Arbeitszeitverkürzung in Österreich offenbart eines: Es handelt sich hierbei nicht um eine illusorische Utopie, sondern um ein machbares, emanzipatorisches, politisches Projekt.

Für die TeilnehmerInnen des Workshops war klar, dass das Thema „Arbeitszeitverkürzung“ nur im Kontext einer grundsätzlichen Neuverteilung der bezahlten und unbezahlten Arbeit zwischen Frauen und Männern diskutiert werden kann, da unter „Arbeit“ weit mehr als lediglich bezahlte Erwerbsarbeit zu verstehen ist. Im Zuge der weiteren Diskussionen in der Gruppe zeigte sich, welche unterschiedlichen Bedürfnisse und Wünsche bei der Frage der „Arbeitszeitverkürzung“ eine entscheidende Rolle spielen. Zum einen gab es Stimmen, die sich damit eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie (Betreuungspflichten) für Männer wie Frauen, sowie mehr Freizeit- und Erholungsphasen erhofften. Arbeitszeitverkürzung wurde außerdem als wirksames Mittel gegen zunehmende psychische wie körperliche Belastungen am Arbeitsplatz angesehen. Zum anderen wurde auch immer wieder die gesamtgesellschaftliche Perspektive ins Spiel gebracht, wonach eine Arbeitszeitverkürzung die Arbeitslosigkeit reduzieren könnte.

Gleichzeitig offenbarte die Debatte im Workshop auch, inwiefern es selbst unter den ArbeitnehmerInnen vereinzelt Vorbehalte bezüglich einer Arbeitszeitverkürzung gibt. Hauptsächlich geht es dabei um die Befürchtung mancher, eine Arbeitszeitverkürzung lediglich ohne Lohnausgleich erreichen zu können und deshalb spürbare finanzielle Einbußen befürchten zu müssen und um Ängste vor weiterer Intensivierung von Arbeit.

Im Spannungsfeld dieser Bedürfnisse und Herausforderungen kamen die TeilnehmerInnen schlussendlich vor allem zur Erkenntnis, dass es einen breiten gesellschaftlichen Diskurs über die Verteilung von Arbeit, Zeit und Wohlstand braucht. Dafür wird es notwendig sein, die Debatte verstärkt abseits des akademischen Feldes zu führen und Allianzen aus zivilgesellschaftlichen Initiativen, Gewerkschaften und politischen Parteien für eine Arbeitszeitverkürzung aufzubauen.

 

Bericht vom Workshop am Gute Leben für alle Kongress (10. und 11. Februar 2017)

AutorInnen: Franz Astleithner (Universität Wien), Schifteh Hashemi (arbeit plus), Thomas Kerekes (attac), Jakob Luger (ÖGB), Sebastian Schublach (Karl-Renner-Institut), Michael Soder (Wirtschaftsuniversität Wien)

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